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"Stellt mehr in Frage!" - Interview mit AICHINGER-Inhaber Günther Hertel

15.09.2009

„Er ist Multi-Millionär, Tüftler und fränkischer Dickschädel“ – so hat die Wirtschaftswoche den AICHINGER-Inhaber Günther Hertel einmal beschrieben. Schon mehrmals hat er insolvente Unternehmen aufgekauft und zum Erfolg geführt. Im Gespräch schildert er, wie er die Welt des Fleischerhandwerks nach der Krise sieht und worauf es für Fleischerfachgeschäfte jetzt ankommt.

Frage Herr Hertel, Sie haben in ihrem Leben schon ganz verschiedene Unternehmen gekauft. Würden Sie auch Metzgereien kaufen?

Hertel Als Inhaber von Aichinger kommt es für mich nicht in Frage, sonst würde ich ja unseren eigenen Kunden Konkurrenz machen. Ansonsten schon. Ich würde natürlich genau hinschauen und mich fragen: Was bietet dieser Metzger den Leuten, was sie woanders nicht bekommen oder nicht so gut? Wenn der Metzger was kann, was seine Wettbewerber nicht können und was sie auch nicht einfach nachahmen können, dann wäre das schon eine gute Basis für Erfolg.

Frage Worin genau sehen Sie denn die Basis für Wettbewerbsvorteile von Metzgern in Zukunft?

Hertel Erst mal muss man sich bewusst werden, was sich die Kunden – und damit meine ich auch die, die viele Metzger schon verloren haben – in Zukunft eigentlich erwarten. Dann muss man sich anschauen, wer der gefährlichste Wettbewerber ist. Oft wird das nicht der zweite Metzger am Ort sein, sondern der immer besser aufgestellte Lebensmittel-Supermarkt. Wenn Sie sich anschauen, was Kunden in einem neuen Edeka- oder Rewe-Markt geboten bekommen, dann fragen Sie sich schon, warum diese Kunden zusätzlich noch zum Metzger sollen.

Frage Also hat der Fachmetzger gegen den Lebensmitteleinzelhandel Ihrer Meinung nach schon verloren?

Hertel Nein, überhaupt nicht! Aber er muss was tun. Frische und Qualität reichen als pauschales Kaufargument im zukünftigen Wettbewerb bei weitem nicht mehr aus. Die Leute müssen es sehen, erleben, schmecken können, wo der Unterschied liegt.

Frage Was genau meinen Sie mit ‚den Leuten’?

Hertel Damit meine ich die Menschen, so wie sie heute leben, einkaufen und konsumieren. Das früher dominierende Bild von der Familie mit klar strukturiertem Tagesablauf und gemeinsamen Mahlzeiten finden Sie doch immer seltener. Denken Sie an die vielen Singles – auch die Alten! -, an junge Doppelverdiener-Familien, an Alleinerziehende usw. Die stellen doch ganz andere Ansprüche ans Einkaufen und Essen. Darauf muss man sich einstellen und wenn’s sein muss, auch radikal „alte Zöpfe“ abschneiden. Das musste ich bei Aichinger auch machen, sonst wären wir heute nicht Marktführer.

Frage Auch die Metzger spüren die Krise. Wenn Sie selbst Metzger wären und in ihrem Geschäft die Krise spüren würden, was würden Sie tun?

Hertel Ich würde sowohl sparen als auch investieren. Einsparen würde ich alles, was Geld kostet, meinem Kunden aber keinen Mehrnutzen bringt und wofür er folglich auch nicht mehr bezahlen will. Das können ganze Filialen sein oder bestimmte Waren in der Theke. Dann schau ich mir an, was übrig bleibt und frage mich: Womit kannst du jetzt Geld verdienen? Genau da muss man dann auch investieren.

Frage Welche Investitionen lohnen für den Metzger?

Hertel Da nenne ich zuerst die Investitionen in die Mitarbeiter. Die Verkäuferinnen müssen viel mehr wissen, von gesunder Ernährung etwa. Sie müssen zu jedem Produkt erklären können, warum das besser ist und deshalb auch mehr kostet als das Vergleichsprodukt aus der Supermarkttheke. Wer die Verkäuferinnen hat, die Ahnung haben, der kriegt auch die Kunden, die Geld haben. Dann lohnen sich die Investitionen in Standorte. Ideal ist es, seinen Laden dort zu haben, wo die Kunden sind: am Weg zur Arbeit, nahe der Arbeitsstelle, beim Stamm-Supermarkt usw. Und dann lohnen sich natürlich die Investitionen in neue Läden – jedenfalls wenn Aichinger diese Läden konzipiert. Und das ist kein Eigenlob. Das kann ich beweisen. Das meine ich ernst!

Frage Sie kennen viele Ihrer Metzger-Kunden persönlich. Was ist Ihr wichtigster Rat an die Metzger?

Hertel Auch wenn ich mich jetzt wiederhole – aber der wichtigste Rat heißt: Stellt mehr in Frage! Macht es nicht so, nur weil ihr es schon immer so gemacht habt. Als ich 1995 Aichinger gekauft habe, kam ich aus einer ganz anderen Branche und ich hab fast alles, was die gemacht haben, zunächst mal in Frage gestellt. Das war gut so. Wer den Mut hat, alles in Frage zu stellen, kann dann auch das Unternehmen so umbauen, dass es Geld verdient. Das schreibe ich auch allen Metzgern ins Stammbuch. Denn viele Metzger könnten viel mehr Geld verdienen, wenn sie nicht zu sehr daran hängen würden, was sie schon immer gemacht haben!

Frage Die Ladenbauer selbst haben aber auch nicht immer alles richtig gemacht – da wurde manchmal den Metzgern auch viel Schnickschnack für teueres Geld verkauft.

Hertel Ich bin für Aichinger verantwortlich, nicht für andere Ladenbauer. Und unser Geschäft heißt nicht Schnickschnack, sondern Konzept! Konzept ist das, worauf es ankommt! Konzept bedeutet, die wichtigsten Erfolgsfaktoren gleichzeitig unter einen Hut zu bringen: Kundenwünsche, Standort, Sortiment, Mitarbeiter – und natürlich Ladengestaltung. Die Metzger sollen in Konzepte investieren. Ohne Konzept können Sie auch nicht wirklich die passende Einrichtungslösung finden, die sich nachvollziehbar rechnet.

Frage Ihr Unternehmen Aichinger spricht viel von Konzepten – von Convenience, von „Cook and Chill“ oder von der Fitness-Fleischerei. Verstehen das die Metzger? Gefällt das den Metzgern?

Hertel Der größte Fehler wäre, nur das zu machen, was den Metzgern gefällt. Richtig ist, das zu machen, was die Metzger nach vorne bringt. Und ‚Cook and Chill’ etwa bringt sie nach vorne. Jeder Metzger weiß, dass Essen, das zu lange warm gehalten wird, nicht schmeckt. Also haben wir zusammen mit Convotherm eine komplette Lösung erarbeitet, damit der Metzgerimbiss mehr Frische und mehr Geschmack bietet. Convenience, Cook and Chill oder Fitness – das sind einige der Namen unserer neuen Konzept-Ansätze. Was das für den Metzger konkret bedeutet, muss man sich im Einzelfall anschauen. Aber generell gilt: Auf neue Konzepte kommt man nur, wenn man immer wieder stur fragt: Wie können wir das besser machen? Und das gilt für Metzger genauso wie für Ladenbauer.

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